Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt

Geschichte des KDA - Anfänge

Die Anfänge des Arbeiterwerkes in Schleswig-Holstein

1. Dr. Friedrich Feller

Die Geschichte des Arbeiterwerkes in Schleswig-Holstein im ersten Jahrzehnt nach dem 2. Weltkrieg ist unlöslich verbunden mit der Person Dr. Friedrich Fellers, der zunächst ehrenamtlich in Hamburg in die Männerarbeit der Kirche einstieg und dann bald zum ersten landeskirchlichen Beauftragten für die Männerarbeit in Schleswig-Holstein berufen wurde. Dr. Feller verlegte seinen Dienstsitz von Hamburg nach Kitzeberg am Ostufer der Kieler Förde. Er war als Jurist der einzige Nicht-Theologe, der ein landeskirchliches Werk verantwortlich leitete. In seinen schriftlichen Aufzeichnungen und Mitteilungen spürt man sowohl den pulsierenden Herzschlag eines frommen, gläubig engagierten Mannes als auch andererseits den rational-formalen Ordnungssinn des Juristen. Dr. Feller war beispielhaft korrekt und präzise in der Registrierung alles dessen, was in seinem Aufgabenbereich wichtig war oder was ihm wichtig erschien. Über jedes Ereignis, jede Tagung, jede Diskussion und fast jedes Telefongespräch führte er ein genaues Protokoll, berichtete der Kirchenleitung darüber und machte die Geschehnisse über den Kreis der Mitarbeiter in den Propsteien und Gemeinden hinaus in seinen monatlichen Rundbriefen einer weiteren kirchlichen und nichtkirchlichen Öffentlichkeit bekannt.


2. Die Anfänge in der EKD

Dr. Feller hat mit der ihm eigenen Sorgfalt und gründlichen Überlegungen zunächst die Entwicklung im Gesamtbereich der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) und der Reichsmännerarbeit der Kirche beobachtet, um abzuschätzen, welche Möglichkeiten sich für die Übernahme dort vorgebildeter Arbeitsformen und -inhalte nach Schleswig-Holstein ergäben.


3. Christliche Gewerkschaft oder Christen in der Gewerkschaft?

Gleich zu Beginn kamen die unterschiedlichen Auffassungen zwischen dem Männerwerk der EKD und den Vertretern der evangelischen Arbeitervereine zum Ausdruck. Die Arbeitervereine aus den West- und süddeutschen Industriegebieten wollten an die Tradition der durch das 3. Reich unterbrochenen Entwicklung der Weimarer Zeit anknüpfen und strebten – gemeinsam mit der katholischen Arbeiterbewegung – die Wiederbelebung der Christlichen Gewerkschaften an. Dagegen suchte die Männerarbeit mit ihrem Arbeiterwerk unter Berücksichtigung früherer Erfahrungen und des Prozesses gesellschaftlich-politischer und wirtschaftlich-sozialer Veränderungen neue Wege zu gehen, die auch theologisch begründet wurden: Nicht christliche Gewerkschaften, sondern Mitarbeit und Mitverantwortung bewusst evangelisch-christlicher Arbeitnehmer in der neu gegründeten Einheitsgewerkschaft.


4. Von der Ev.-sozialen Schule in Spandau zur Evangelischen Sozialakademie in Friedewald

Zur Durchführung der Lehrgänge benötigte man geeignete Tagungsstätten. Zunächst bot sich das Gut Rottland bei Waldbröel an, das der bekannte Evangelist Friedrich von der Ropp zur Verfügung stellte. Später kam dann die Evangelisch-Soziale-Schule in Friedewald dazu, die vor allem der intensiven Bemühung und Vermittlung Carl-Gunther Schweitzers ihre Entstehung verdankt. Dr. Schweitzer war ein Schüler und Mitarbeiter des Rostocker Theologieprofessors Friedrich Brunstäd, auf dessen Aktivität hin in der Zeit der Weimarer Republik die Evangelisch-Soziale-Schule beim Johannesstift in Berlin-Spandau begründet wurde. Unter der Leitung Alexander v. Viebahns – ebenfalls Schüler und Freund Friedrich Brunstäds – wurden in Spandau evangelische Arbeitersekretäre ausgebildet, die somit zu den direkten Vorläufern unserer heutigen Sozialsekretäre zählen. Durch die Vermittlung Dr. Schweitzers kam es zu einem Gespräch zwischen dem Reichsbeauftragten für Männerarbeit, dem späteren Propst Ernst zur Nieden und Eugen Gerstenmaier, dem Begründer des evangelischen Hilfswerks.


5. Das Erbe Friedrich Brunstäds

Gerstenmaier ist wie Carl-Gunther Schweitzer Schüler Friedrich Brunstäds und gemeinsam mit Schweitzer Herausgeber der "Kleineren Schriften und Reden" Brunstäds. Ich erwähne dies um der historischen Vollständigkeit willen zur Erhärtung der weiter zu verfolgenden These, dass die gesamte gesellschaftliche Diakonie, wie sie sich heute als Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt firmiert hat, ihren geistigen, theologischen und zugleich praktisch-organisatorischen Urheber in Friedrich Brunstäd hat, dem genialen Theologen und Philosophen, dessen Name und vielfältige Wirksamkeit weder in der Theologiegeschichte noch in der Geschichte der kirchlichen Sozialarbeit vergessen werden sollte.


6. Der erste Evangelisch-soziale Kursus in Kiel

Das "Wagnis" einer ersten "evangelisch-sozialen Schulung für Arbeiter" in Schleswig-Holstein wurde dann für die Zeit vom 7. - 13. August 1949 in Kiel-Wik vorgesehen.


7. Arbeitermission

Sinn und Ziel der Lehrgänge war wie gesagt entsprechend der von Spandau über Friedewald nun auch in Schleswig-Holstein übernommenen Tradition, evangelische Arbeitnehmer in die Lage zu versetzen, in Gewerkschaft und Betriebsrat verantwortlich mitzuarbeiten und Entscheidungen bewusst mit evangelisch-christlichen Argumenten zu begründen. Es stellte sich aber bald heraus, dass bewusst evangelische Arbeitnehmer in Schleswig-Holstein, die in der Lage gewesen wären, solche Erwartungen zu erfüllen, nur spärlich vorhanden waren. Hier wirkte noch lange die im vorigen Jahrhundert begonnene "Auswanderung" und "Entfremdung" des Arbeiters von der Kirche nach. Ob die Arbeitnehmer aus der Kirche ausgetreten waren oder nicht, sie standen in der Mehrzahl in einer unkirchlichen, vielfach antikirchlichen Tradition. Aus dieser Einsicht wurde der Charakter und die Struktur der späteren Lehrgänge in Schleswig-Holstein unter dem Aspekt der Volksmission sprich Arbeitermission verändert.


8. Sozialpolitische Zurüstung und kirchliche Verkündigung

Für Dr. Feller spielte von vornherein der Gedanke einer Kombination von sozialpolitischer Zurüstung und kirchlicher Verkündigung eine wichtige Rolle! So schreibt er schon über den ersten Lehrgang: Eingebettet war die Schulung in einen geistlichen Rahmen mit Morgen- und Abendandacht und täglicher einstündiger Bibelarbeit. Sie wurde von 6 verschiedenen Theologen, zu denen Oberkonsistorialrat Brummack und Professor Dr. D. Hertzberg gehörten, gehalten und begegnete großer Aufmerksamkeit. (Rundbrief Nr. 18 v. 25.10.1949)


9. Arbeiterlehrgang

Eine wichtige Rolle spielten die Bibelarbeiten & Es erwies sich wieder als richtig... in Glaubensdingen bei Männern von heute nichts vorauszusetzen. Sie wissen eben nicht, wie und in welchem Zeitraum die Bibel entstanden ist. Ihnen ist der Unterschied zwischen Altem und Neuen Testament nicht geläufig. Sie vermögen auch die uns am gängigsten erscheinenden Bücher der Bibel nicht ohne Anleitung zu finden. Wer Paulus war, ist ihnen nicht ohne weiteres bekannt, mindestens nicht seine Entwicklung vom Saulus zum Paulus. Mit Ausdrücken der Lutherübersetzung der Heiligen Schrift, die einem Bedeutungswandel unterlegen haben, wissen sie nichts anzufangen. Wir müssen sie ihnen in heutiges Deutsch übersetzen. So hat denn Professor Dr. D. Hertzberg seiner Bibelarbeit über Amos Allgemeines über die Propheten vorausgeschickt. So brachte Dr. Krapp Grundsätzliches über die Entstehung und Zusammensetzung der Bibel. So übertrug Pastor Krüger, Rendsburg, Luthers Sprache in das Deutsch von heute. Und die Männer waren für alle Hilfen besonders dankbar. Sie erkannten im Übrigen die Bibelarbeiten, denen sie mit etwas Misstrauen entgegengesehen hatten, als grundlegend für den ganzen Lehrgang. Den Abschluß der ganzen Tagung bildete ein Gottesdienst in der Martinskapelle, den uns Superintendant Gramlow hielt. (Dr. Feller im Rundbrief Nr. 31 vom 15.01.1951)


10. Der 3. Lehrgang für Arbeitnehmer

Was begonnen wurde, wurde intensiv fortgeführt. Es sprach sich schneller als erwartet herum, dass hier ein neuer Zweig kirchlichen Dienstes im Werden war, der sowohl für die Gemeinden und die Kirche insgesamt als auch für die Menschen und das Geschehen in der Arbeitswelt verheißungsvoll begonnen wurde. Dr. Feller selbst scheute keine Mühe, um ringsum im Lande auf Synoden, Konventen, Gemeindeabenden und in Männerkreisen für das Arbeiterwerk zu werben. Wie sehr sich diese Mühe gelohnt hat, ist wiederum in und zwischen den Zeilen eines Berichtes über den 3. Lehrgang für Arbeitnehmer zu lesen, der vom 25. - 30. Juni 1951 im Martins-Haus in Rendsburg stattfand. Wir zitieren aus diesem Bericht ausführlicher, weil er für den Fortgang der Arbeit im Sinne Dr. Fellers charakteristisch ist: "Es war eine Freude, sich den Kreis allmählich sammeln zu sehen; denn der Großteil der Eintreffenden bestand aus jüngeren, frischen, offenbar aufgeschlossenen Männern. Etwa die Hälfte der Anwesenden war unter 40 Jahre alt & Von besonderer Wichtigkeit scheint mir zu sein, dass 2/3 der Anwesenden gewerkschaftlich organisiert war. Auch einen Betriebsratsvorsitzenden und ein Betriebsratsmitglied hatten wir unter uns. Das Verhältnis von Arbeitern zu Angestellten war 50 : 50, 14 Männer waren arbeitslos. Beim Aufstellen der Tagungsfolge hatte ein früherer Lehrgangsteilnehmer - ein Arbeiter auf einer Werft in Kiel-Friedrichsort, der zugleich Betriebsrat ist - maßgeblich mitgearbeitet. Die Kirchenleitung – die Besprechung fand im Landeskirchenamt statt – hat dieser Tatsache Gewicht beigemessen. Wie ringen wir doch in der Kirche allenthalben um die Mitarbeit von Arbeitern. Hier war sie einmal nicht Farce, sondern ausschlaggebend. Und dann schreibt Feller mit besonderer Betonung: Das Interessante: Das Programm ist zentraler ausfallen als das vorige Mal. Es war z.B. ein ganzer Tag der Bibel gewidmet. Nach der Bibelarbeit trug Professor Dr. D. Hertzberg über die Frage vor: Lohnt es sich heute in der Bibel zu lesen? –  und leitete die anschließenden Aussprache. Und am Nachmittag beschäftigten wir uns unter Leitung von Dr. Krapp mit der Frage: Wie lese ich in der Bibel? Ein Nachmittag und Abend stand zur Aussprache unter dem Motto: "Was uns an der Kirche nicht gefällt" zur Verfügung. Die Leitung hatte Pastor Schumann-Brokstedt. Aus der Fülle der bemerkenswerten Einwände kann ich aus Raumnot nur einiges wiedergeben. Von der Predigt wurde verlangt, dass man ihr vom ersten bis letzten Satz zu folgen vermöge ... Im Übrigen müsse man eine Gliederung erkennen, die es einem ermögliche, sich selbständig die Gedankenführung ins Gedächtnis zu rufen. Die Predigt soll wachrütteln. Der Jesuitenpater Leppich, der anlässlich der Kieler Woche zu Wort gekommen ist, wurde als Beispiel angeführt. Die Predigt dürfe ruhig derbe Worte enthalten, sie müsse zeitnah und bildhaft sein. Die Pastoren müssten Rücksicht darauf nehmen, dass ein Teil ihrer Gemeinde nicht gewohnt sei, geistig schwere Kost zu sich zu nehmen. Im Übrigen hätte ein Teil der Kirchenbesucher während der Woche schwere körperliche Arbeit geleistet und vermöge eine zu lange Predigt nicht auf sich zu nehmen ... Die Teilnehmer müssten fähig gemacht werden, das Gehörte weiterzugeben. Praktische Anweisungen in dieser Hinsicht sind erforderlich. Zum Schluß gab Pastor Schumann zu bedenken, was wohl Gott an unserer Kirche nicht gefiele. Er meinte, sicherlich die ohne-mich-Christen und die christlichen Blender. Natürlich kamen auch die wirtschaftlichen, sozialen und gesellschaftlichen Themen und Probleme zur Sprache, doch waren diese auf einem evangelisch-sozialen Lehrgang unter dem Röntgenlicht des Evangeliums zu durchleuchten.


11. Eigene Entwicklung in Schleswig-Holstein

Überhaupt sollte sich zeigen, dass in Zukunft das Arbeiterwerk in Schleswig-Holstein mehr eigene Erfahrungen und Erkenntnisse auch in die organisatorische Gestaltung seines Dienstes einbrachte.


12. Keine Paragemeinden

Wir haben zu keiner Zeit die in anderen Ländern und Landeskirchen durchgeführte Organisation von Betriebskernen, Betriebs- oder sonstigen Paragemeinden angestrebt, sondern uns immer um die Integration unserer Arbeit und der durch unseren Dienst in der Arbeitswelt angesprochenen Menschen in ihren Orts- und Wohngemeinden bemüht. Wir haben alles getan, um die Zusammenarbeit, Durchlässigkeit und Wechselwirkung von gesamtkirchlichem Dienst in der Arbeitswelt und den (Orts-)gemeinden zu fördern. Pastoren und Kirchenälteste wurden von Anfang an an unseren Soziallehrgängen beteiligt. Oft lernt so ein Arbeiter seinen Pastor zum ersten Mal kennen und erfuhr zugleich, zu welcher Gemeinde er gehörte. Und wo eine Gemeinde sich nicht selbst verschloss, wurden echte Arbeitnehmer zu langvermissten Mitarbeitern in den Gemeinden.