Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt

Gottfried Leich

Erinnerungen an eine bewegte Zeit
Leich1

Pastor Gottfried Leich

Als ich 1979 nach Hamburg kam, beherrschten Werftenkrise und Abbau von Industriearbeitsplätzen die Schlagzeilen. Bei meinem Abschied im Jahr 1991 war der Himmel über der City Hamburgs voller Baukräne und auf den Titelseiten der Zeitungen stand das Wort "Boomtown Hamburg" Diese Veränderung zeigt den Strukturwandel in den 80er Jahren an.

Als Student hatte ich Anfang der 50er Jahre Pastor Horst Symanowski und die Arbeit der Gossner Mission in Mainz-Kastel kennengelernt. Seitdem hatte ich ein besonderes Interesse an der industriellen Arbeitswelt. In Hamburg fand ich Mitarbeiter, die über Jahre hin gute Beziehungen zu Industriebetrieben und Werften im Hamburger Hafen aufgebaut hatten. Anfang der 80er Jahre waren Werften und Industriebetriebe im Hafen in einer Existenz bedrohenden Strukturkrise. Mitarbeiter des KDA hatten zu einigen dieser Betriebe, so zum Betriebsrat der Mannesmann AG (MAN), auf Grund langjähriger Zusammenarbeit ein besonderes Vertrauensverhältnis. Angesichts der drohenden Teilstillegung bat uns der Betriebsrat der MAN, mit der Belegschaft einen Bittgottesdienst für die Erhaltung der Arbeitsplätze zu halten. Der Gottesdienst fand in der Hauptkirche St. Katharinen statt.

Ich denke in diesem Zusammenhang mit Respekt an den damaligen Bischof Dr. Hans-Otto Wölber. Der Vorstand der MAN nahm Anstoß an unserem Gottesdienst. Ein Beauftragter des Vorstands reiste eigens aus Augsburg an, um sich beim Bischof über uns zu beschweren. In einem Gespräch, zu dem auch ein Vertreter des Kirchenvorstandes von St. Katharinen und ich eingeladen waren, vertrat Bischof Wölber unmissverständlich den Auftrag der Kirche: "Wir können einer Belegschaft nicht verwehren, zum Beten in die Kirche zu kommen".

Werftenkrise und Abbau industrieller Arbeitsplätze waren das eine. In anderen Bereichen bahnten sich einschneidende Strukturveränderungen auf Grund von Modernisierungsprozessen an. Mitarbeiter des KDA versuchten, den Beschäftigten im Bereich privater Dienstleistungen, Bahn und Post bei der Bewältigung der für sie krisenhaften Entwicklungen zu helfen. In Einzelgesprächen, Arbeitsgruppen und Seminaren unterstützten sie Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer dabei, ihre Abwehr und Resignation zu überwinden und sich aktiv auf die Veränderungen einzulassen.

Kurz nach der Gründung der Nordelbischen Kirche übernahm ich das neugeschaffene Amt eines Regionalleiters für den KDA im Sprengel Hamburg. Damit war die Aufgabe verbunden, die Mitarbeiter des KDA in den verschiedenen Dienststellen zu einem gemeinsamen KDA zusammenzuführen. Dieser Prozeß war nicht einfach. Er war durch eine intensive Diskussion vorbereitet worden und wurde durch immer neue Strukturanpassungspläne erschwert. Zugleich ging es mir darum, dass der KDA in der kirchlichen und gesellschaftlichen Öffentlichkeit mehr sichtbar wurde.

Eine wichtige Aufgabe sah ich darin, mit den Mitarbeitern des KDA eine unserer Arbeit entsprechende Gottesdienstform zu entwickeln. Es bot sich an, am 1. Mai einen Gottesdienst zum Tag der Arbeit zu feiern. Dieser Gottesdienst im Anschluss an die Kundgebung des DGB führte Erwerbstätige, Erwerbslose und Rentner, Männer und Frauen, Christen und Nichtchristen aus den Arbeitsbereichen des KDA zusammen. An diese Gottesdienste denke ich besonders gern zurück.

Gottfried Leich


Pastor Gottfried Leich, Jahrgang 1929, war von 1979 bis 1991 Leiter des KDA-Hamburg. Er lebte im Ruhestand in Berlin und ist dort im Februar 2005 verstorben.