Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt

Bertold Kraft

Umbrüche und Reformen

Propst Bertold Kraft und
Pastor Paul-Gerhard von Hoerschelmann

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Bekannt war er als langjähriger Gemeindepastor an St. Nikolai und als Propstei-Jugendpastor. Unvergessen aber ist sein Wirken als Propst von Kiel. Bertold Kraft, 1915 in Kiel geboren, starb nach zehnjähriger Amtszeit im Frühjahr 1976. Auch mehr als ein Vierteljahrhundert nach seinem Tod verbindet sich mit seinem Namen für viele Kieler die Erinnerung an einen Mann mit ungewöhnlicher geistlicher Ausstrahlung.

Weit weniger bekannt ist, dass Bertold Kraft von 1960 bis 1966 Sozialpastor und Landesbeauftragter für Männerarbeit der Schleswig-Holsteinischen Landeskirche gewesen ist. Sein Nachfolger Pastor Paul-Gerhard von Hoerschelmann schreibt über ihn: "In der relativ kurzen Zeit hat er viel bewirkt. Er war eine eindrucksvolle, glaubwürdige und gradlinige Persönlichkeit, die keine Konflikte scheute und hohes Ansehen sowohl in der Kirche wie der Gesellschaft genoß. Ich hebe dies hervor, weil dieses Vertrauen gerade an der sensiblen Nahtstelle zwischen Kirche und Gesellschaft wichtig war und ist."

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Paul-Gerhard von Hoerschelmann, als Sohn einer baltischen Pastorenfamilie 1931 im estländischen Nömme bei Reval/Tallin geboren, leitete Sozialpfarramt und Männerarbeit von 1966 bis 1983. In diese Epoche fallen die großen Umbrüche und Reformen: Mit den evangelisch-sozialen Wochenlehrgängen, jahrelang das Rückgrat der Arbeit, reduzierte sich die Vermittlung christlicher und ethischer Inhalte. Auch die Männerarbeit ging zurück und wurde schließlich eingestellt. Das Konzept v. Hoerschelmanns, der Industrie- und Sozialarbeit die gesellschaftsbezogene, der Männerarbeit dagegen die gemeindebezogene, personale Dimension zuzuordnen, also die Arbeitsfelder "Arbeit und Familie" strukturell in eine Balance zu bringen, ließ sich nicht umsetzen.

Von 1972 bis 1984 war v. Hoerschelmann theologischer Vorsitzender der Männerarbeit der EKD. In dieser Funktion pflegte er internationale Kontakte und wirkte an verschiedenen Denkschriften und Studien der EKD mit. Eng kooperierte der KDA mit dem "Fachausschuß für kirchlichen Dienst auf dem Lande", der die Landwirte bei dem rasanten Strukturwandel begleitete.

Der Prozeß der Vereinigung der fünf Landeskirchen zur Nordelbischen Kirche im Jahre 1977 führte zur Vereinigung auch der regionalen Gliederung der Sozialpfarrämter in Hamburg, Lübeck, Südholstein, Eiderstedt und Kiel mit dem schleswig-holsteinischen Sozial- und Männerpfarramt zum Nordelbischen KDA. Pastor v. Hoerschelmann übernahm im März 1978 die Gesamtleitung. In den von starken Polaritäten geprägten Arbeitsfeldern des KDA zwischen Kirche und Arbeitswelt, setzte Pastor v. Hoerschelmann konsequent auf den Dialog unter den gesellschaftlichen Akteuren. Er entwickelte ein System "kontinuierlicher Kontakte" zwischen Kirche, Parteien und den gesellschaftlich relevanten Gruppen. Die Netzwerkarbeit v. Hoerschelmanns führte auch zur Gründung des Gesprächskreises "SPD und Kirche".

Nach seinem Ausscheiden aus dem KDA war v. Hoerschelmann bis zu seiner Pensionierung 1994 Direktor des Prediger- und Studienseminars Breklum. Anschliessend war er bis 1998 als Rektor des Pastoralseminars der estnischen Kirche in Tallin tätig.

Harald Schrader