Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt

Geschichte des KDA - Weites Feld

Sozialarbeit: Ein weites Feld für die Evangelische Akademie

Inzwischen hatte auch die Sozialarbeit der Evangelischen Akademie Schleswig-Holstein ihre Tätigkeit erweitert und intensiviert.
Da das Arbeiterwerk sich nach wie vor auf die "Zielgruppe" der männlichen Arbeitnehmer beschränkte, blieb für die Akademie im Sinne ihres Auftrages der Vorstoß in das "weite Feld" der sozialen und gesellschaftlichen Entwicklungen und Probleme.
Die Sorge um die Arbeitslosen, mit der der soziale Dienst einmal begonnen hatte, blieb auch bei der positiven wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung eine vordringliche Aufgabe der Akademie. Dazu kamen die weiblichen Arbeitnehmer, die Jugendlichen, die Arbeitgeber und die Top-Manager sowie die unterschiedlichen Verbände, Institutionen und Organisationen einschließlich der politischen Parteien, soweit sie mit den sozialen und gesellschaftlichen Problemen befasst waren.


Annemarie Witte mit vielseitiger Hilfe

Eine große Hilfe wurde uns bei den wachsenden vielgefächerten Aufgaben Frau Annemarie Witte aus Schleswig. Sie wurde infolge der Beschlüsse von 1952 zunächst als Sekretärin der Evangelischen Akademie eingestellt und stand ab 1.1.53 Herrn Pastor Dr. Heyer als Pastor der St. Michaelis-Gemeinde in Schleswig zugleich (noch nebenamtlich) Leiter der Akademie sowie dem ebenfalls nebenamtlichen ersten Sozialpastor (H.-H. Prieß) in der Gemeinde St. Michaelis Land für die umfangreichen Schreib- und Büroarbeiten sowie für die mit den Tagungen verbundene Organisation zur Verfügung. Schon bald wurde Frau Witte auch mit Vorträgen und Diskussionsbeiträgen in das Programm der Tagungen aufgenommen.
Da sich immer dringender bei unseren mit den jeweiligen "Sachbereichen" und ihren Vertretern zu führenden Verhandlungen die Frage nach unserem eigenen "Sachverstand" hinsichtlich der sozialen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zusammenhängen und Entwicklungen stellt, entschloss sich Frau Witte, unter großen äußeren Schwierigkeiten noch das volle volkswirtschaftliche Studium in Kiel zu absolvieren, und hat als Diplom-Volkswirt für die Sozialarbeit unserer Landeskirche und den kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt hilfreiche Beiträge geleistet.


Die AGFA

Wie in anderen Landeskirchen wurde auch in Schleswig-Holstein nach dem Vorbild der EKD Ebene eine "Evangelische Aktionsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen" (AGFA) unter seiner Leitung durch Dr. Feller organisiert. In ihrer personellen Zusammensetzung deckte sie sich weitgehend mit dem Kreis der "Werke-Beauftragten", für die Pastor Egon von Kietzell aus Flensburg federführend war.
In der AGFA wurde die gesamte Palette der differenzierten gesellschaftlich-sozialen Probleme in ihren theologischen und kirchlichen Bezügen diskutiert und entsprechende Tagungen zusammen vorbereitet.


Gemeinsame Tagungen mit den Werken

Die Tagungen selbst aber und die öffentlichen Diskussionen in den unterschiedlichen "Sozialbereichen" wurden, soweit nicht vom "Arbeiterwerk" abgedeckt, stets von der Evangelischen Akademie veranstaltet in personaler Zusammenarbeit mit dem jeweils zuständigen Werk der Landeskirche.
So kam es z.B. zur ersten großen "Arbeitnehmerinnentagung" und bald darauf zur ersten Tagung für "Sekretärinnen" in der Grenzakademie Sankelmark, an denen das Frauenwerk mit seiner Leiterin Frau Pastorin Grosch, Frau Pastorin Dr. Haseloff, Büdelsdorf und Frau Krukies, damals Gemeindehelferin bei Pastor Dr. Heyer in der Michaelis-Gemeinde in Schleswig maßgeblich mitwirkten.
Für die Kooperation mit dem "Jugendwerk", der karitativen Diakonie und anderen Diensten unserer Landeskirche bei entsprechenden Sozialtagungen der Akademie gilt entsprechendes.
Die Organisation, Vorbereitung, Programmgestaltung, Einladung, Durchführung und Nacharbeit dieser Veranstaltungen und Begegnungen aber oblag verantwortlich jeweils der Ev.-Akademie, d.h. praktisch der "Sozialarbeiterin" Frau A. Witte und dem Sozialpastor.


Verbindung von Sozialarbeit und Gemeinde

Die vermehrte differenzierte Fülle der Aufgaben förderten die Einsicht, dass der Dienst des Sozialpastors auf die Dauer nebenamtlich nicht mehr zu bewältigen war und in zunehmenden zeitlichen Konflikt mit dem Dienst in, an und mit der Ortsgemeinde geriet.
Wir begannen, aus dieser Not zunächst eine Tugend zu machen. Es war ohnehin von Anfang an unser Bemühen, sowohl das Arbeiterwerk als auch die Sozialarbeit der Ev.-Akademie als einen gemeindebezogenen Dienst zu verstehen und zu praktizieren.
(Die spätere u.E. unglückliche Aufteilung des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt in einen "gesellschaftsbezogenen" und einen "gemeindebezogenen" Dienst kam uns überhaupt nicht in den Sinn.)
Wir waren nicht nur theoretisch, sondern praktisch darauf bedacht, dass die "gesellschaftliche Diakonie" der Sozialarbeit als ein "übergemeindliches", besser "gesamtgemeindliches" Werk der Kirche eben doch "gemeindebezogen" bliebe und nicht anders sinnvoll sei, als dass es den Gemeinden dienstbar würde und zugute käme und wiederum in den so neu bewegten und stimulierten Gemeinden eine neue (missionarische) Dynamik in Gesamtkirche und Öffentlichkeit bewirkte.
Es lag also nahe, aus der "Not" der Kombination Sozialpastor - Gemeindepastor eine Tugend zu machen.
Wir begannen, alle einschlägigen Tagungen, Gespräche und Begegnungen in die Gemeinde hineinzuverlegen und zugleich als Gemeindeveranstaltungen durchzuführen.


Arbeitslose ...

Als erstes haben wir die Sammlung von Arbeitslosen aus dem Bereich des Arbeitsamtes Schleswig in die Schubyer Gemeinde integriert.
Die erste Tagung über die technisch-wirtschaftlichen, sozialen und beruflichen Veränderungen auf dem Lande hatten wir zwar noch in der Grenzakademie Sankelmark durchgeführt, waren dann aber bald dazu übergegangen, zu den nächsten Tagungen und monatlichen Gesprächen in die Gemeinde St. Michaelis Land in Schuby einzuladen.


Soziologisches Seminar

Es traf sich gut, dass in dieser Zeit das soziologische Seminar mit allen seinen Assistenten eine umfangreiche Forschung über die bald nach dem Kriege einsetzende schnelle Veränderung vom "geschlossenen" zum "aufgesprengten" Dorf begonnen hatte.
Durch die Vermittlung der Landwirtschaftsschule in Schleswig und ihres Leiters Dr. Heinrich Jonas wurden die jungen Wissenschaftler auch und gerade in Schuby tätig. Die weitverstreute Landgemeinde wies deutlich diese Veränderungen auf, wie sie in den 9 Dörfern in einem unterschiedlichen Stadium der fortschreitenden Entwicklung nach ihrer Stadt- bzw. Verkehrsnähe oder -ferne sich befand.
Die Kirchengemeinde war in diesen Wandlungsprozess unmittelbar einbezogen. Es ergaben sich neue Problemstellungen für ihren Auftrag in Verkündigung, Seelsorge und Diakonie.
Die theologischen Bemühungen Professor D. Wendlands in Kiel um die soziologischen Phänomene, um eine "Sozialtheologie" forderten dazu heraus, seine Überlegungen und Thesen durch die praktische Erfahrung des Wandlungsprozesses zu ergänzen bzw. in der Wechselwirkung von Theorie und Praxis beiden förderlich und hilfreich zu werden.


Schubyer Gesprächskreis

Wir kamen also fortan nicht mehr in Sankelmark oder an anderen "Tagungsorten" zusammen, sondern in der Ortsgemeinde St. Michaelis-Land in Schuby.
Dann saßen im großen Gasthaussaal Bauern und Arbeiter, Handwerker und Lehrer, Ärzte und Kaufleute aus der eigenen Gemeinde wie aus ganz Schleswig-Holstein beisammen und sprachen mit Professoren und Dozenten, mit Funktionären der Verbände aus Landwirtschaft und Industrie, mit Mitarbeitern aus Behörden und Vereinen. Dazu kamen Pastoren und Kirchenälteste aus der Landeskirche, und alle waren zum abschließenden Gottesdienst im Gotteshaus vereint. Das alles trug zur Verlebendigung des Gemeindelebens bei und strahlte in Wechselwirkung in die "gesamtkirchliche" Arbeit unseres "gesellschaftsbezogenen" Dienstes aus.
So ergab sich von selbst die Praxis des "Schubyer Gesprächskreises", den wir als Beispiel oder Modell einer der von Professor Wendland geforderten neuen Kirchlichen Strukturen im "Strukturwandel der Gesellschaft" formierten.
Den "Auflöungsprozess" tradierter Strukturen hatten die Soziologen mit ihren empirischen Untersuchungen vor Ort uns allen ins Bewusstsein gerufen, die wir in den unterschiedlichen Berufen und gesellschaftlichen Positionen an diesem Prozess unmittelbar teilhatten.
In diesem Wandlungsprozess überkommener gesellschaftlicher und sozialer Ordnungen waren die in ihnen manifestierten (christlichen) Werte und menschlichen Beziehungen einbegriffen. Die Kirche, bisher "Mitte des Dorfes", ebenso im topographischen wie geistigen Sinn, wurde bei diesem Vorgang mehr und mehr als Außenseiter an den Rand gedrängt.


Luthers Zwei-Reiche-Lehre in Theorie und Praxis

Theologische Überlegungen deuteten darauf hin, dass das "konstantische Zeitalter", in dem christliche und politische Gemeinde deckungsgleich waren, schon lange nicht mehr existierte und das sein noch vorgetäuschtes Scheinleben für alle sichtbar zu Ende ging.
Die lutherische "Zwei-Reiche-Lehre" stand erneut zur Diskussion. Die Evangelische Akademie lud zusammen mit der "Aktionsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen" zu klärenden Gesprächen ein. In Professor Wendland hatten wir auch jetzt einen unentbehrlichen Helfer. Theologisch-soziologische Überlegungen und Gespräche gingen mit dem praktischen Vollzug in dem "Schubyer Gesprächskreis" Hand in Hand.


Dorfgemeindetag

Der Kirche wuchs die Aufgabe und die Chance einer neuen missionarischen Wirksamkeit zu, wenn sie als "gottesdienstliche Gemeinde" inmitten einer "aufgesprengten", in unterschiedliche Interessengruppen sich auflösenden Gesellschaft ihre integrierende Funktion wahrnahm. Die zentrierende Kraft der christlichen Gemeinde "mit, in und unter" des gesellschaftlichen Zentrifugalprozsesses wurde um so stärker, je mehr die Gemeinde zu dem wurde, was sie ist: "Sammlung und Sendung unter dem Wort Gottes!"
Die Gesprächsfolge des Schubyer Gesprächskreises in monatlichen Veranstaltungen fand ihren Höhepunkt und ihre Zusammenfassung in den sog. "Dorfgemeindetagen".


Espelkamper Baugemeinde in Kleinformat

Der "Schubyer Gesprächskreis" wuchs von Jahr zu Jahr mehr in seine Aufgaben hinein. Als verpflichtendes Zeichen dieses Auftrags und praktisches wie symbolisches Beispiel des "gesellschaftlich-sozialen Dienstes" der Gemeinde begannen wir mit dem Bau des Gemeindehauses, bei dem der Arbeitslosenkreis der Ev. Akademie seinen tätigen Beitrag leistete. In ganz kleinem Maßstab wirkten Motive der "Espelkamper Baugemeinde" nach.


Gesellschaftliche Diakonie auf dem Lande

Im Nachherein erscheint es ebenfalls als eine Fügung, dass diese Erfahrungen zunächst in einer Landgemeinde gemacht wurden.
Es wurde uns bewusst, dass die gesellschaftsbezogene "Sozialarbeit" in Schleswig-Holstein als Agrarland nicht nur die relativ geringe Zahl von Industriegemeinden, sondern die durch Technik und Wirtschaft veranlassten Vorgänge auf dem "platten Land", zum Thema hatte.
Das Schicksal des Landarbeiters z.B. wurde in Schleswig-Holstein als besonderes Problem erkannt und als eine Aufgabe des "Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt" in unsere spezielle Obhut genommen.
Es kam zu Gesprächen mit der Gewerkschaft "Landwirtschaft und Forsten", die uns zu den ersten Landarbeitertagungen, die vom Arbeiterwerk gemeinsam mit der Evangelischen Akademie in stetiger Regelmäßigkeit durchgeführt wurden, Teilnehmer vermittelte, und es kam zu einer "Arbeitsgemeinschaft Kirche und Landarbeiter", an der das Arbeiterwerk, die landwirtschaftlichen Institute, die Evangelische Akademie, die Verbände und die Gewerkschaft beteiligt waren.


Vom Schubyer Gesprächskreis zur Ellerbeker Runde

Beide, "Gesprächskreis" und "Gemeindetag", haben dann seit 1960 ihre Entsprechung gefunden in der "Ellerbeker Runde" und der jährlichen "Ellerbeker Gemeindewoche" in einer Industriegemeinde am Ostufer Kiels.
Dabei galt es, die langjährigen Erfahrungen und theologisch-soziologischen Einsichten im Zusammenwirken von (Orts-) Gemeinde und "gesamtgemeindlichen" Dienst in der Verflechtung von "Kirche und moderner Gesellschaft" mit ihren sozialen und menschlichen Problemen für Verkündigung, Seelsorge und Diakonie fruchtbar werden zu lassen.