Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt

Interview zum WIP'16

mit Bischöfin Kirsten Fehrs
"Die zwischenmenschliche Begegnung in der Arbeitswelt darf nicht verloren gehen."


Foto: Bischofskanzlei Hamburg

Bischöfin Fehrs tritt für sozial gerechte Verteilung von Bildungsangeboten ein, im Kampf gegen Armut und Ausgrenzung und damit auch gegen Rechtsradikalismus. Wir haben Bischöfin Fehrs Fragen zur Wirksamkeit von Arbeit und zum Wandel der Arbeitswelt gestellt. Im Interview haben wir der Bischöfin Fehrs Fragen zur Wirksamkeit von Arbeit und zum Wandel der Arbeitswelt gestellt:

Frage: Das Kongressthema 2016 ist “Die Wirksamkeit unseres Tuns”. Was verbinden Sie bezogen auf Ihre eigene Arbeit damit?

Bischöfin Kerstin Fehrs: Einen Gutteil meiner Motivation beziehe ich daraus, in der Kommunikation mit anderen wirksam tätig sein zu können. Wirksamkeit ist aus meiner Sicht ein wechselseitiges Geschehen – und besonders dann mit Freude verbunden, wenn es in aller Geistesgegenwart gelingt, gemeinsam für menschenfreundliche Veränderungen in unserer Gesellschaft und in unserem Wirtschaftssystem einzutreten. Dazu gehört auch, um Ziele und Wege zu ringen. Als Christin glaube ich, dass die Wirksamkeit meines Tuns in letzter Konsequenz nicht von mir abhängt. Das finde ich auch in meinem bischöflichen Amt sehr entlastend. Ich bin eingebettet in einen größeren Zusammenhang, der sich unserer menschlichen Gestaltung entzieht. Dieser Glaube ermöglicht es mir, in einen inneren Abstand zu gehen und mich der Führung und dem Segen Gottes zu überlassen. So wünsche ich auch den Kongressteilnehmenden, dass sie einen Fixpunkt außerhalb ihrer selbst finden, der ihnen Orientierung, Mut und Ausdauer gibt.

Frage: Der Kirchliche Dienst in der Arbeitswelt (KDA) der Nordkirche ist beim Kongress Work in Progress jetzt bereits zum zweiten Mal als Partner dabei. Wie kommt es zu dieser Kooperation?

Bischöfin Kerstin Fehrs: Ich freue mich sehr, dass der KDA hier zum zweiten Mal mitwirkt. Der Kongress ist eine geeignete Plattform, um über gesellschaftspolitische Themen zu diskutieren und mit Menschen in Kontakt zu kommen, die vielfach eher kirchenfern sind. Für uns Kirchenleute ist das eine Chance, den eigenen Horizont zu erweitern und uns in die dort stattfindenden Meinungsbildungsprozesse einzubringen. Unterschiedliche Sichtweisen, Erfahrungen und Ideen bekommen konkrete Gestaltungsräume – von diesem multiperspektivischen Ansatz profitieren alle am Kongress Beteiligen. Das gilt insbesondere für die Einschätzung von Zusammenhängen innerhalb der Arbeitswelt.

Frage: Die Arbeitswelt wandelt sich enorm: Welche Chancen und Probleme sehen Sie in dieser Entwicklung?

Bischöfin Kerstin Fehrs: Durch Digitalisierung und Globalisierung verändert sich die Arbeitswelt in starkem Maße. Wir müssen daher neu bestimmen, was wir unter „Arbeit“ verstehen und unter welchen Vorzeichen in unserer Gesellschaft gearbeitet werden soll. Das betrifft alle Formen der Arbeit: neben der kreativen Tätigkeit von Selbstständigen auch die lohnabhängige Erwerbsarbeit und ebenso die Arbeit im Ehrenamt oder in Familien.
Die Auseinandersetzung mit flexiblen Beschäftigungsformen ist eine wichtige Aufgabe. Dabei stellt sich dann auch die Frage, wie wir mit der Entgrenzung der Arbeit umgehen – wenn Menschen zum Beispiel vermehrt als Selbstständige arbeiten, verschwimmen auch die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben immer mehr. Zeit- und Leistungsdruck wachsen. Hinzu kommt, dass diese neuen Selbstständigen sich selbst sozusagen “gewinnbringend vermarkten” müssen und dass immer die Gefahr besteht, dass sie in ihrer Tätigkeit vereinzeln. Dabei darf gerade die zwischenmenschliche Begegnung in der Arbeitswelt nicht verloren gehen.

“Unsere Arbeitswirklichkeit braucht ein Fundament aus Werten.”

Andererseits bietet der Wandel auch große Chancen – nicht zuletzt durch die Fülle neuer Beschäftigungsmöglichkeiten. Entscheidend dabei ist: Unsere Arbeitswirklichkeit braucht ein Fundament aus Werten, das sich auch an den Bedürfnissen der Menschen orientiert. Dabei steht für uns als Kirche das christliche Menschenbild im Vordergrund: Arbeit ist eine Form der schöpferischen Selbstverwirklichung des Menschen. Nur bei einer menschengerechten Gestaltung der Arbeitsprozesse kann dieses Potenzial sich entfalten. Frei nach dem Motto: “Nur wo ich gern bin, bin ich gut.”

Frage: Gerade Solo-Selbständige sind oft Vorreiter für flexible Arbeitswelten von morgen. Jedoch sind viele von ihnen nicht abgesichert, wenn sie krank werden. Sie könnten keine Rücklagen bilden und seien von Altersarmut bedroht, warnen Arbeitsmarktforscher. Andererseits verwahren sich viele Selbstständige selbst gegen Eingriffe seitens der Politik in diesem Bereich. Wie ist die Position der Nordkirche in dieser Frage?

Bischöfin Kerstin Fehrs: Gerade in dem Bereich, den Sie hier ansprechen, zeigt sich, dass unsere Sicherungssysteme sehr auf „Normalarbeitsverhältnisse“ ausgerichtet sind. Sie können die Risiken der neuen, flexiblen Arbeitsmodelle kaum auffangen. Die Gesetzgebung hinkt der Entwicklung einerseits hinterher, andererseits müssen neue gesetzliche Regelungen mit den Betroffenen gut abgestimmt werden. Viele wollen ja flexibel arbeiten, insbesondere zum Beispiel junge Mütter und Väter. Eine bessere soziale Absicherung soll nicht auf Kosten der individuell gewünschten Flexibilität geschehen. Es gilt, genau hinzusehen und geeignete Sicherungsmodelle zu finden oder bestehende zu verbessern.

In Ihrer Frage steckt aber auch das Thema der Solidarisierung. Dass Schwächere sich zusammenschließen und Schutzregelungen einfordern, schafft ja oft erst die Voraussetzung für wirkliche Freiheit. Im Blick auf biblische Tradition der Gerechtigkeit darf es nicht passieren, dass Flexibilität zu Ausbeutung führt – es ist deshalb gut, dass der KDA den Solo-Selbstständigen und Kleinstunternehmen Mut macht, sich politisch zu vernetzen und sich für den Abbau von Armutsfallen einzusetzen. Ich wünsche dem KDA, dass er weiterhin wachsam und aufmerksam diese Debatte – gerade auf Kongressen wie diesen – begleitet.